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Divertikulose/Divertikulitis

Klinik / Chirurgie

Die Divertikulose beschreibt das Vorhandensein von Ausstülpungen der Darmwand, die sogenannten Divertikel, ohne dass diese entzündet sind. Sobald die Divertikel Beschwerden verursachen, spricht man von der Divertikelkrankheit. Unter diesen Sammelbegriff fällt auch die sog. Divertikulitis: eine akute Entzündung der Divertikel, die aufgrund ihrer typischen Schmerzlokalisation im linken Unterbauch auch als „Linksappendizitis“ bezeichnet wird.

Betroffen ist in etwa 90% der Fälle das Colon sigmoideum, da dessen kleines Lumen den höchsten intraluminalen Druck erzeugt und so die Entstehung von Pseudodivertikeln begünstigt. Die Diagnose stützt sich auf Klinik, Entzündungsparameter (Leukozytose, CRP) sowie Sonographie oder CT-Abdomen. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad: Unkomplizierte Verläufe werden meist konservativ behandelt, während komplizierte Formen mit Abszess oder Perforation eine stationäre Aufnahme, Antibiotika und gegebenenfalls eine operative Intervention erfordern.

Zusammenfassung

Definition

Divertikulose: Vorhandensein von Ausstülpungen (Divertikel) der Darmwand ohne Entzündung. Meist asymptomatischer Zufallsbefund.

Divertikelkrankheit: Sammelbegriff, wenn Divertikel Beschwerden verursachen (inkl. Divertikulitis).

Divertikulitis: Entzündung der Divertikel

Epidemiologie

  • Häufige Erkrankung in westlichen Industrienationen
  • Prävalenz steigt stark mit dem Alter an:
    • Unter 50-Jährige: selten betroffen
    • Über 70-Jährige: ca. 50% haben Divertikel
  • Nur 1–7% entwickeln im Verlauf eine akute Divertikulitis

Ätiologie & Pathophysiologie

Meist handelt es sich um Pseudodivertikel

  • Nur Mukosa und Submukosa stülpen sich aus (nicht die Muscularis)
  • Ausstülpung an Schwachstellen der Muskelschicht, v. a. wo die Vasa recta die Muskulatur durchtreten nicht die Muscularis

Begünstigende Faktoren der Divertikelbildung

  • Erhöhter intraluminaler Druck im Darm
  • Bindegewebsschwäche
  • Westlicher Lebensstil: ballaststoffarme Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel → Chronische Obstipation

Vorkommen von Divertikeln 

  • Colon sigmoideum: in ca. 90 % betroffen
    • Grund: kleinstes Lumen aller Kolonabschnitte → höchster intraluminaler Druck bei gleicher Wandspannung
  • Caecum: seltener

Entstehung der Divertikulitis

  • Einengung von Blutgefäßen durch Ausstülpung → Minderdurchblutung
  • Einschluss von Stuhlmaterial in Divertikel → Kotsteinbildung → Druckschäden → Entzündung
Divertikulose - Pseudodivertikel Aufbau
Divertikulose – Pseudodivertikel Aufbau
Divertikulose - Vorkommen
Divertikulose – Vorkommen

Symptome

DivertikuloseDivertikulitis
Meist asymptomatisch → oft Zufallsbefund 
(z. B. Koloskopie)
Schmerz im linken Unterbauch („Linksappendizitis“)
Fieber
 Übelkeit
 Veränderung des Stuhlgangs
 Walzenförmige Resistenz tastbar
 Abwehrspannung (bei fortgeschrittener Entzündung/Perforation)
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Differentialdiagnosen

Abdominelle Erkrankungen

  • Kolonkarzinom (wichtigste DD! Koloskopie nach 6 Wochen obligat)
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (z. B. Morbus Crohn)
  • Reizdarmsyndrom
  • Appendizitis
  • Ischämische Kolitis

Urologische Erkrankungen

  • Urolithiasis (Harnsteine)
  • Harnwegsinfekt

Gynäkologische Erkrankungen

  • Adnexitis (Entzündung Eileiter u. Eierstock)
  • Stielgedrehte Ovarialzyste

Diagnostik

Labor

  • Entzündungsparameter: Leukozytose, CRP erhöht
  • Urinstatus (Ausschluss urologischer DD)

Bildgebung

  • Abdomensonographie
  • CT-Abdomen (mit Kontrastmittel)

💡 Beachte: Koloskopie im akuten Stadium kontraindiziert (Perforationsgefahr durch Luftdruck)! Koloskopie erst nach Abklingen der Entzündung (ca. 6 Wochen) zum Ausschluss eines Karzinoms.

Klassifikation der Divertikelkrankheit
Klassifikation der Divertikelkrankheit

Therapie

Unkomplizierte Divertikulitis (Typ 1)

  • Ambulante Therapie möglich (bei fehlenden Zeichen einer schweren Erkrankung)
  • Engmaschige klinische und laborchemische Kontrolle notwendig
  • Ernährungsanpassung (z. B. strikte Nahrungskarenz) i.d.R. nicht mehr zwingend notwendig
  • Schmerztherapie: orale Analgetika (z. B. Paracetamol)
  • Antibiotika: nur individuell nach Risikofaktoren (zurückhaltend)

Komplizierte Divertikulitis (Typ 2)

  • Stationäre Aufnahme und Antibiotikatherapie zwingend notwendig
  • Größere Abszesse: interventionelle Drainageeinlage
  • Situationsadaptierte orale Ernährung möglich (abhängig von der klinischen Situation)

OP-Indikationen

Notfall (≤ 6 Stunden)

  • Freie Perforation
  • Akutes Abdomen
  • Sepsis
  • Konservativ nicht zu stillende Blutung

Frühelektiv (< 48 Stunden)

  • Erfolglose konservative bzw. interventionelle Therapie
  • Fistelbildung
  • Klinisch relevante Stenosen

Elektiv (≥ 6 Wochen)

  • Chronische Divertikelkrankheit zur Verbesserung der Lebensqualität

Operative Verfahren

Standard: minimalinvasive Sigmaresektion

  • Entfernung des Sigmas und Anastomose der beiden Darmenden (meist in einer Operation)

Bei schlechter klinischer Ausgangslage (z. B. Sepsis, Kreislaufinstabilität): Hartmann-Operation

  • Entfernung des Darmabschnitts, blindes Verschließen des Rektums, vorübergehender künstlicher Darmausgang (Anus praeter)
  • Vorteil: schneller, einfacher, kein Anastomoseninsuffizienz-Risiko
  • Rückverlagerung in einer zweiten OP möglich
Divertikulitis - Operative Verfahren
Divertikulitis – Operative Verfahren
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Komplikationen

  • Perforation (frei oder gedeckt)
  • Abszessbildung
  • Fistelbildung
    • Kolovesikale Fistel (Darm-Harnblasen-Verbindung): „Champagnerurin“ (Luft im Urin), rezidivierende Harnwegsinfekte mit Darmbakterien
  • Divertikelblutung: häufige Ursache einer unteren GI-Blutung bei älteren Patienten
  • Darmstenose → inkompletter oder kompletter Ileus möglich

Prognose

  • Überwiegend günstig bei adäquater Therapie
  • Rezidivrate: 10–35 % nach erster unkomplizierter Divertikulitis
  • Paradox: komplizierte Formen treten meist beim ersten Schub auf, nicht bei Rezidiven
  • Rezidive i. d. R. nicht schwerer als beim ersten Schub

💡 Merke: Je früher und schwerwiegender der erste Divertikulitisschub, desto wahrscheinlicher ist eine Operation im weiteren Verlauf

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Quellen

Billmann F, Keck T, eds. Facharztwissen Viszeral- und Allgemeinchirurgie. Berlin ; Heidelberg: Springer; 2017.

Brown RF, Lopez K, Smith CB, Charles A. Diverticulitis: A Review. JAMA. Published online July 24, 2025. doi:10.1001/jama.2025.10234.

Herold G. Innere Medizin: eine vorlesungsorientierte Darstellung : 2025 : unter Berücksichtigung des Gegenstandskataloges für die Ärztliche Prüfung : mit ICD 10-Schlüssel im Text und Stichwortverzeichnis. (Herold G, Beckers H, Lehmann K, eds.). Köln: Gerd Herold; 2025.

Jauch K-W, Mutschler W, Hoffmann J, Kanz K-G, eds. Chirurgie Basisweiterbildung: in 101 Schritten durch die beiden ersten Berufsjahre. 3rd ed. Berlin: Springer; 2022. doi:10.1007/978-3-662-63366-3.

Largiadèr F, Saeger H-D, Keel M, Bruns C, eds. Checkliste Chirurgie. 11th ed. Stuttgart ; New York: Georg Thieme Verlag; 2016. doi:10.1055/b-004-132240.

Leifeld L, Germer CT, Böhm S, et al. S3-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis – Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV). Z Gastroenterol. 2022;60(4):613-688. doi:10.1055/a-1741-5724.

Pommer A, Hasenberg T. Klinikleitfaden Allgemeinchirurgie Viszeralchirurgie. 8th ed. (Pommer A, Zirngibl H, Hasenberg T, eds.). München: Elsevier; 2026. doi:10.1016/C2023-0-01048-2.

Schiergens T. BASICS Chirurgie. 5th ed. München: Elsevier; 2023.

Young-Fadok TM. Diverticulitis. N Engl J Med. 2018;379(17):1635-1642. doi:10.1056/NEJMcp1800468.

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