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EKG Auswertung und Interpretation

Klinik / Innere Medizin

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Ein EKG sollte stets systematisch ausgewertet werden. Hierfür bietet sich beispielsweise folgendes Vorgehen an: Zunächst wird die technische Qualität überprüft, etwa ob die Eichung korrekt ist und Störartefakte vorliegen. Anschließend erfolgt die rhythmologische Analyse mit der Frage, ob ein Sinusrhythmus vorliegt. Die Herzfrequenz lässt sich durch Abzählen der Kästchen zwischen zwei R-Zacken oder mithilfe eines EKG-Lineals bestimmen. Auch der Lagetyp sollte beurteilt werden, da er Hinweise auf pathologische Veränderungen wie Hypertrophie oder Leitungsstörungen geben kann.

Im weiteren Verlauf werden die einzelnen EKG-Abschnitte beurteilt: Die P-Welle spiegelt die Vorhoferregung wider, das PQ-Intervall die Überleitung auf die Kammern. Der QRS-Komplex zeigt die Kammererregung und kann bei Veränderungen auf Infarkte oder Leitungsstörungen hinweisen. Die ST-Strecke dient der Beurteilung von Ischämien, während die T-Welle die Repolarisation der Kammern darstellt. Das QT-Intervall sollte aufgrund seiner Abhängigkeit zur Herzfrequenz korrigiert als QTc beurteilt werden.

Zusammenfassung

Allgemeine Vorgehensweise

Technische Kontrolle

  • Ist die Eichung korrekt? → Eichzacke = 1 mV = 10 kleine Kästchen
  • Schreibgeschwindigkeit kontrollieren → Standard in Deutschland: 50 mm/s
  • Störartefakte prüfen (z. B. Muskelzittern, schlechte Elektrodenhaftung)

Systematische Abarbeitung nach Schema

  • Mögliches Schema: siehe Abbildung unten
  • Zunächst Befunde wertfrei beschreiben
  • Erst im Anschluss klinisch interpretieren
EKG Checkliste
EKG Checkliste

Rhythmus

Kriterien für einen Sinusrhythmus

  • Regelmäßige P-Wellen mit konstanten PP-Intervallen
  • Nach jeder P-Welle ein QRS-Komplex
  • P-Wellen in Ableitung I, II und ggf. Ableitung III positiv

Kein Sinusrhythmus bei z.B. fehlenden P-Wellen, AV-Dissoziation, Vorhofflimmern

Sinusrhythmus Kriterien
Sinusrhythmus Kriterien
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Frequenz

Methode 1 (EKG-Lineal)

  • Pfeilspitze auf R-Zacke, Frequenz an zweiter oder dritter R-Zacke ablesen

Methode 2 (Zählmethode)

  • 300 / Anzahl großer Kästchen zwischen zwei R-Zacken
  • Beispiel: 4 großen Kästchen → 300 / 4 = 75 Schläge/min
EKG - Frequenz bestimmen
EKG – Frequenz bestimmen

Lagetyp

Allgemeines

  • Lage des Hauptvektors der Erregungsausbreitung im Myokard
  • Beeinflussung durch z.B. Narben, Herzmuskelhypertrophie oder Störungen der Erregungsweiterleitung

Bestimmung mittels Cabrera-Kreis

  1. Finde die Ableitung mit dem höchsten R-Ausschlag
    • Beispiel: höchste R-Zacke in II 
  2. Identifiziere die senkrecht dazu stehende Ableitung
    • Beispiel: senkrecht zu II = aVL
    • Schaue: ist QRS in aVL positiv oder negativ?
  3. Entscheidung:
    • aVL positiv → Achse liegt näher an aVL =  Indifferenztyp
    • aVL negativ → Achse liegt weiter entfernt = Steiltyp

Entscheidungshilfe – Cabrera-Kreis 

  1. Höchste R-Zacke in Ableitung I 
  2. Ableitung II anschauen* 
    • QRS positiv → Linkstyp
    • QRS negativ → Überdrehter Linkstyp  

*Ableitung II ist nicht senkrecht zur Ableitung I. Grund hierfür ist die Größe und Lage des Felds „Linkstyp“ auf dem Cabrera-Kreis.

  1. Höchste R-Zacke in Ableitung III
  2. Ableitung aVR anschauen
    • QRS positiv → Überdrehter Rechtstyp
    • QRS negativ → Rechtstyp 
Cabrera-Kreis
Cabrera-Kreis

Bestimmung mittels Tabelle

  1. Beurteile den QRS-Komplex in Ableitung I, II und III
    • Ist er überwiegend positiv (R-Zacke dominiert)?
    • Oder negativ (S-Zacke überwiegt)?
  2. Verwende die Zuordnungstabelle zur schnellen Bestimmung des Lagetyps
    • Sind alle Ableitungen positiv vergleicht man, ob entweder Ableitung I oder Ableitung III positiver ist
Lagetyp Tabelle
Lagetyp Tabelle
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P-Welle

Allgemeines

  • Repräsentiert die Vorhoferregung
  • Dauer: < 120 ms
  • Amplitude: < 0,25 mV
  • Glatte, halbrunde Form

Pathologien

  • P pulmonale: spitz, > 0,25 mV (Rechtsherzbelastung)
  • P mitrale: doppeltgipflig (Linksherzhypertrophie)
  • Vorhofflimmern: keine klaren P-Wellen sichtbar, sondern Flimmerwellen
P-Welle - Pathologien
P-Welle – Pathologien

PQ-Intervall

Allgemeines

  • Repräsentiert die Überleitung der Erregung von den Vorhöfen auf die Kammern
  • Dauer: 120 – 200 ms
  • Gemessen vom Beginn der P-Welle bis Anfang des QRS-Komplexes

Pathologien

  • Verlängert > 200 ms → AV-Block I°
  • Verkürzt < 120 ms → Präexzitationssyndrome (z. B. WPW)
PQ-Interval - Pathologien
PQ-Interval – Pathologien

QRS-Komplex

Allgemeines

  • Repräsentiert die Kammererregung
  • Dauer: 60 – 100 ms
  • Komponenten:
    • Q-Zacke: erste negative Zacke
    • R-Zacke: erste positive Zacke
    • S-Zacke: nachfolgende negative Zacke
    • Zusätzliche positiver Ausschlag als R‘ und negativer Ausschlag als S‘
QRS-Komplex und Nomenklatur zusätzlicher Ausschläge
QRS-Komplex und Nomenklatur zusätzlicher Ausschläge

Pathologien

  • Verbreitert (> 120 ms) bzw. deformiert: z.B. Schenkelblock
  • Pathologische Q-Zacke (Pardee-Q): z.B. im Rahmen eines Myokardinfarktes
    • Q-Zacken in V1-V4
    • Q-Zacke abnorm tief (> ¼ R-Zacke)
    • Q-Zacke abnorm breit (> 30 ms)
QRS-Komplex - Pathologien
QRS-Komplex – Pathologien
Q-Zacke - Pathologien (Pardee-Q)
Q-Zacke – Pathologien (Pardee-Q)

R/S-Umschlag

  • Veränderungen der R-Zacke und S-Zacke in den Brustwandableitungen (V1-V6)
  • Physiologisch in V1 S-Zacke deutlich ausgeprägt
  • In den weiteren Brustwandableitungen wächst die R-Zacke und die S-Zacke nimmt ab
  • R/S-Umschlag: R-Zacke erstmalig größer als S-Zacke
    • Physiologisch zwischen V2/V3 bzw. V3/V4
  • Veränderungen R/S-Umschlag: Hinweise auf Erregungsleitungsstörungen z.B. Linksschenkelblock 
RS-Umschlag
RS-Umschlag

Sokolow-Lyon-Index

  1. Bestimmung der größten R-Zacke in V5 oder V6
  2. Bestimmung der größten S-Zacke in V1 oder V2
  3. SLI = RV5 oder V6 + SV1 oder V2
  4. SLI > 3,5 mV:  Hinweis auf Hypertrophie der linken Herzkammer

Sokolow-Lyon-Index II

  1. Bestimmung der größten R-Zacke in V1 oder V2
  2. Bestimmung der größten S-Zacke in V5 oder V5
  3. SLI = RV1 oder V2 + SV5 oder V6
  4. SLI > 1,05 mV:  Hinweis auf Hypertrophie der rechten Herzkammer
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ST-Strecke

Allgemeines

  • Repräsentiert die vollständige Erregung der Kammermuskulatur
  • Physiologisch: isoelektrische Linie

Pathologien

  • ST-Strecken-Senkung
    • Horizontal, aszendierend oder deszendierend
    • Verschiedene Ursachen möglich: z.B. KHK, Belastung, Schenkelblock, …
  • ST-Strecken-Hebung
    • Hebung aus aufsteigendem S → Perikarditis
    • Hebung aus absteigendem R → STEMI (ST-segment elevation myocardial infarction)
ST-Strecken-Senkung
ST-Strecken-Senkung
ST-Strecken-Hebung
ST-Strecken-Hebung

T-Welle

Allgemeines

  • Repräsentiert die Repolarisation der Kammern
  • Halbrunde Form
  • I.d.R. positiv
    • Negativ physiologisch → ggf. in V1 oder wenn der QRS-Komplex überwiegend negativ ist)

Pathologien

  • Überhöht/zeltförmig: Hyperkaliämie, Myokardinfarkt
  • Flach: unspezifisch, oft bei Elektrolytstörungen
  • Negativ: Ischämie, linksventrikuläre Hypertrophie, Perikarditis
T-Welle - Pathologien
T-Welle – Pathologien

QT-Intervall

Allgemeines

  • Repräsentiert die gesamte Kammererregung und Rückbildung
  • Gemessen vom Beginn der Q-Zacke bis Ende der T-Welle
  • Frequenzabhängig → Berechnung frequenzkorrigiertes QT-Intervall (QTc) notwendig
  • Normwerte QTc: ♂: ≤ 0,45s ♀: ≤ 0,46s

Pathologien

  • Verlängertes QT-Intervall → Risiko: Torsade-de-pointes-Tachykardie
    • Wellen, die spindelförmig um die isoelektrische Linie größer und kleiner werden
    • Ursachen: Medikamente (z. B. Antiarrhythmika, Psychopharmaka), Elektrolytstörungen, kongenitale Syndrome
Torsade de pointes Tachykardie
Torsade de pointes Tachykardie

Beispielbefund

Beispiel EKG
Beispiel EKG

Beschreibung: Sinusrhythmus, Frequenz: 72 Schläge/min, Indifferenztyp, PQ 160 ms, QRS 80 ms, QTc 394 ms, unauffällige ST-Strecken und T-Wellen

Interpretation: Unauffälliger Normalbefund

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Quellen

Gotzmann M, Kreimer F. EKG für Einsteiger: für Studium und Weiterbildung. Berlin: Springer; 2024. doi:10.1007/978-3-662-70165-2.

Kiening M, Ohly A. EKG endlich verständlich. 4th ed. München: Elsevier; 2022.

Tannenbaum L, Bridwell RE, Inman BL. EKG Teaching Rounds: A Case-Based Guide. 2022nd ed. Cham: Springer International Publishing; 2022. doi:10.1007/978-3-031-06028-1.

Trappe H-J, Schuster H-P. EKG-Kurs für Isabel. 9th ed. Stuttgart ; New York: Georg Thieme Verlag; 2024. doi:10.1055/b000000871.

Hinweis

Die auf dieser Website bereitgestellten Inhalte dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und richten sich insbesondere an Studierende und Fachpersonal im Gesundheitswesen. Sie ersetzen nicht die Beratung, Diagnose oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärztinnen und Ärzte oder andere medizinische Fachpersonen.